Informationen für Bewerber:innen / Information for Applicants
Das Graduiertenkolleg (GRK) hat aktuelle 12 Doktorand:innenstellen ausgeschrieben (Ende der Bewerbungsfrist: 14.9.2026). Die Ausschreibung finden Sie hier.
Informationen für Bewerber:innen (deutsch)
1. Forschungsprogramm des GRK 2945
In aktuellen Debatten gilt Wahrheit als umkämpftes Gut. Schlagworte wie fake news und alternative facts zeigen grundlegende Divergenzen hinsichtlich dessen, was unterschiedliche Gruppen als Wahrheit akzeptieren. Damit verbundene Fragestellungen werden in den letzten Jahren zunehmend auch in der historischen Forschung aufgegriffen (z.B. Bubert 2021; Frick 2020; Oschema 2022; Poor 2021; Waltenberger 2014). Allerdings zielen Erklärungs- und Lösungsansätze, die von den Falschbehauptungen selbst ausgehen, nur auf die Symptomebene: In der aktuellen Empirie und Theorie hat sich erwiesen, dass Maßnahmen wie Debunking, Fact-Checking oder Gegenrede selbst dort, wo das einzelne Gegenargument akzeptiert wird, auf der Ebene des ‚emotional response‘ oft wenig Wirkung zeigen (vgl. Horner u.a. 2021). Sie verschaffen der Wahrheit zwar Gehör, aber eben keine Geltung. Als erfolgversprechend hingegen zeigen sich Ansätze, die eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Strategien und Praktiken der Wahrheitsproduktion erzeugen und Medienkompetenz stärken (z.B. McDougall u.a. 2019).
Unsere Frage nach historischen Formen von Wahrheitsproduktion und -durchsetzung setzt, diesem Gedanken folgend, ebenfalls bei den Praktiken, Medien und Prozessen an. Mit dem 13. bis 17. Jahrhundert nehmen wir einen Zeitausschnitt in den Blick, der medien- wie wissensgeschichtlich eine komplexe Gemengelage bietet und in dem sich ein Geflecht unterschiedlicher, konkurrierender, sich wechselseitig ergänzender oder überlagernder Praktiken der Wahrheitsproduktion beobachten lässt. Historische Befunde können so auch als Analyseinstrumente zur kritischen Reflexion der aktuellen Situation zur Verfügung gestellt werden.
1.1 Fragestellungen, Untersuchungsbereiche, Ansätze
Das GRK 2945 soll Wahrheitsproduktion und Wahrheitsdurchsetzung zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert untersuchen. Damit ist ein Beobachtungszeitraum gewählt, der in besonderer Weise von Medienwandel, von politisch-sozialer Dynamik, religiösen Konflikten und der Entstehung konkurrierender Rechtsvorstellungen, Wissensgemeinschaften und Glaubenskulturen bestimmt ist. Bestände traditionellen Wissens und neue Erfahrungsräume, etablierte und neue Institutionen, konventionelle und innovative Formen der Beobachtung und Darstellung konkurrieren miteinander. Mögliche Promotionsprojekte sollen ihre Schwerpunkte in diesem zeitlichen Rahmen setzen und dabei entweder Latein-Europa und/oder seine frühen kolonialen Kontaktzonen in den Blick nehmen oder auf China und Korea fokussieren, die sich auf Grund ihrer ausdifferenzierten Schriftkulturen und deren spezifischen Dynamiken – wie etwa den Aufschwung von Buchdruck und Buchmarkt der Ming-Zeit (1368–1644) oder die Ausweitung schriftlicher Kommunikation in der frühen Chosŏnzeit Koreas (15.–16. Jahrhundert) – für einen Vergleich besonders eignen.
Das GRK adressiert daher verschiedene Fachgebiete, die mit der Vormoderne befasst sind: Promovierende mit Schwerpunkt in einem Fach der europäischen Philologien – besonders Anglistik, Germanistik, Romanistik (inkl. Iberoromanistik, Lateinamerikanistik, Französistik und Italianistik) – sind ebenso angesprochen wie solche der Komparatistik, der Koreanistik und der Sinologie. Des Weiteren suchen wir Promovierende mit Dissertations-Projekten in den Bereichen der Kunstgeschichte, der Rechtsgeschichte, der Wissens- bzw. Wissenschaftsgeschichte, der Geschlechter- bzw. Körpergeschichte und/oder der Kulturgeschichte. Bewerbungen aus diesen Fächern unmittelbar benachbarten Bereichen mit einem erkennbaren Schwerpunkt in unserem Untersuchungsfeld sind ebenfalls willkommen.
Wir wollen Promotionsprojekte gewinnen, die einerseits untersuchen, wie annehmbar gemacht und durchgesetzt wird, was als wahr gelten und was mithin Sprechen, Denken, Handeln und Entscheiden anleiten soll. Andererseits soll untersucht werden, wie in Bildern, Theateraufführungen oder Texten Wahrheitsproduktion beobachtet und reflektiert wird. Die weiter gefasste Frage nach den Dynamiken des Wissens, nach verschiedenen Wissensgemeinschaften und -kulturen, wie sie in der Wissensgeschichte diskutiert wurde (dazu z.B. Füssel 2021; Mulsow/Rexroth 2014), ist damit zugespitzt auf Praktiken der Wahrheitsbehauptung und auf Prozesse der Wahrheitsdurchsetzung.
Im Rahmen dieser Fragestellung ist Wahrheit nicht in einem engeren attributiven Sinn gefasst, in dem sie keinen Plural erlaubt, sondern sie wird als behauptete Wahrheit nur im Modus ihrer Vermittlung greifbar und verdankt ihr Erscheinen unterschiedlichen Formen der Wahrheitsproduktion. In den Blick geraten dabei solche Aspekte der Inszenierung und Präsentation von Wissen, die im Gestus einer Metafigur eine Proposition mit Geltungsbegründungen ausstatten (z.B.: ‚Die Sonne dreht sich um die Erde‘ versus: ‚Es lässt sich an den Himmelsbewegungen beobachten, dass die Sonne sich um die Erde dreht‘; oder ‚Die gelehrten Bücher sagen, dass die Sonne sich um die Erde dreht‘; oder ins Moralische gewendet: ‚Ein frommer Christ hat zu glauben, dass die Erde der Mittelpunkt des Kosmos ist und dass sich alle Gestirne um die Erde drehen.‘). Solche Metafiguren der Wahrheitsbehauptung sind nicht allein sprachlich zu denken, sondern operieren ebenso auf der materialen Ebene von Medien; und sie können durch Körper, Dinge oder raumzeitliche Anordnungen gestützt oder substituiert werden, in denen Wahrheit nicht nur angeschrieben, sondern verkörpert wird. So sind etwa Paratexte der Frühdruckzeit und ihre handschriftlichen Vorläufer, Accessus ad auctores, Widmungen, Vorreden, Prologe und epische Proömien als Metafiguren zu lesen, die Wahrheitsansprüche nicht allein sprachlich verhandeln, sondern zugleich materialisieren und in personale Netze einspannen. Doch auch die äußere Gestalt eines Textes, die Wahl des Beschreibstoffs, die Farbe der Tinte, die Form der Type, die mise-en-page, die Verwendung von Bildern, Diagrammen, Registern, Glossaren und/oder Kommentaren kommunizieren auf je eigene Weise Wahrheitsansprüche. Und ebenso können Instrumente, Werkzeuge, Karten, Naturdinge, Artefakte, Körper, Haltungen, Emotionen, Gesten, Architekturen oder räumliche Anordnungen zu Begründungsfiguren dafür werden, warum eine bestimmte Wahrheit akzeptiert werden soll. Siegel, Verfahrensordnungen oder performative Gesten vollziehen, was als Recht gültig sein soll; dramatische und performative Repräsentationen von Wahrheit sind von der Materialität des Ortes und den Aufführungsbedingungen des Theaters abhängig; die Verwendung bestimmter Materialien oder Spolien in künstlerischen Objekten artikuliert bestimmte Geltungsansprüche; die verschiedenen Formen tabellarischer Notation produzieren ein bestimmtes Wissen und machen es zugleich plausibel und als Wahrheitsbehauptung annehmbar.
Indem wir im GRK 2945 Wahrheitsdurchsetzungen als Praktiken perspektivieren und nach ihrer Materialität und Verkörperung fragen, gehen wir über die Untersuchung der verschiedenen historischen Semantiken der Wahrheit hinaus. Zugleich ergänzen wir bereits vorliegende Ergebnisse zur Geschichte der Wissenschaften, zu den Anfängen ihrer Institutionalisierung oder zur Rolle des Experten um eine praxeologische Perspektive (vgl. z.B. Brendecke 2015, Freist 2015a/b, Reckwitz 2014). Diese nimmt Prozesse der Wahrheitsproduktion und -durchsetzung als raumzeitlich situierte Geschehensganzheiten in den Blick, in denen heterogene Elemente wie Körper, Bewegungen, Äußerungen, Materialien, Dinge, Räume oder Affekte auf spezifische Art und Weise miteinander verbunden sind und als ‚materielle Arrangements‘ (Schatzki 2010) interagieren. Die Dynamiken zwischen verschiedenen rhetorischen, religiösen, sozialen, juristischen oder wissensgenerierenden Praktiken und ihren jeweiligen materiellen Arrangements lassen sich so genauer analysieren: So lässt sich z.B. beschreiben, wie Körper, Instrumente, Werkzeuge oder Medien, die Wissen operativ hervorgebracht haben, im Rahmen von Wahrheitspraktiken als Zeugen präsentiert und so mit einer neuen Handlungsmacht versehen werden. Oder es lässt sich danach fragen, wie Orte, Haltungen und Dinge die Validität einer Behauptung stützen, wie sie in Durchsetzungsprozesse eingebracht werden, Evidenz schaffen sollen und wie sie deren Ergebnisse langfristig sichtbar und anschlussfähig halten. Oder es kann beobachtet werden wie Wahrheiten durch literarische Formen, künstlerische Artefakte und theatrale oder repräsentationale Inszenierungen unterschiedlicher Art in einer ästhetischen Eigenwirklichkeit verkörpert werden.
Dokumente und Monumente machen historische Formen der Wahrheitsproduktion wissenschaftlich untersuchbar. Gleichzeitig zeigen literarische Formen, Skulpturen und Bilder, aber auch die Aufführungen des vormodernen Theaters, wie Wahrheitsproduktionen zeitgenössisch reflektiert und problematisiert worden sind. Indem das GRK Historiker:innen mit unterschiedlichen Schwerpunkten in den Bereichen der Wissens-, Rechts-, Körper- oder Geschlechtergeschichte und Forscher:innen auf den Gebieten der Literatur-, Kultur- und Kunstgeschichte zusammenführt, können beide Dimensionen der Wahrheitsproduktion gleichermaßen verfolgt werden. Wir sehen den methodischen Mehrwert und das innovative Potential unseres Vorhabens erstens in dieser doppelten Beobachtung von Wahrheitsprozessen, zweitens in der beschriebenen Zuspitzung wissens-, rechts-, glaubens- und mediengeschichtlicher Fragen auf das Moment der Wahrheitsproduktion und drittens in einer Betonung der Praktiken und Arrangements, die sprachlich-rhetorische Strategien ebenso umfasst wie handgreifliche Dinge und körperliche Performanz.
Dem hier skizzierten Zugriff entsprechend können mögliche Promotionsprojekte sehr unterschiedliche Gattungen, Formen, Inszenierungsweisen und Prozesse behandeln. Das Spektrum reicht von beschreibenden oder anleitenden über erörternde und erklärende bis hin zu erzählenden, epideiktischen oder lyrischen Texten. Neben fiktionale und faktuale Narrative, z.B. in Form von historischen oder juristischen Sachverhaltserzählungen, treten Lehrgedichte, Dialoge, Traktate, Essays, fachthematische Texte oder Artes-Literatur und deren popularisierende Adaptation. Es kommen Formen bestimmter Schriftpraktiken wie Zitate, Glossen, Kommentare hinzu wie auch Pinselnotizen aus dem vormodernen China und Korea (biji 筆記, bitan/p‘iltam 筆談, suibi/sup‘il 隨筆), die der skizzenhaften Aufzeichnung von Wissen dienten, und ebenso Gegenüber- und Ausstellungen von unterschiedlichen bzw. konfligierenden Wahrheitsbehauptungen, wie z.B. die Aushandlungen unterschiedlicher Herrschaftstheorien, Herrscherprofile und Selbstpraktiken im frühneuzeitlichen Theater.
Um das so entstehende breite Feld möglicher Themen zu strukturieren, fokussiert das GRK auf solche Bereiche der Wahrheitsproduktion und -durchsetzung, die in besonderer Weise durch mangelnde Evidenz, durch Schwierigkeiten der Wahrnehmbarkeit, Erkennbarkeit und Darstellbarkeit gekennzeichnet sind. Leitend ist dabei der Gedanke, dass Praktiken der Wahrheitsproduktion und -durchsetzung vor allem dort gefordert sind und reflektiert werden, wo noch nicht oder nicht mehr Gewissheit über das herrscht, was als wahr gelten soll. Was man für offensichtlich hält, was jeder einsehen, hören oder fühlen kann, liegt im Sinne epistemischer Evidenz bereits vor (Müller 2007).
Wir wollen die künftigen Promotionsprojekte um Bereiche gruppieren, die sich in ungleichem Maße und aus verschiedenen Gründen dem Augenschein verweigern und somit Wahrheitspraktiken herausfordern. Wir überschreiben diese Bereiche mit Sammelbegriffen, die unterschiedliche Formen mangelnder Evidenz adressieren und dementsprechend Praktiken und materiale Arrangements auf unterschiedliche Weise in Position bringen: (1) das Entzogene; (2) das Verborgene; (3) das Neue. Diese Sammelbegriffe sind nicht als scharf abgegrenzte Bereiche zu verstehen. Vielmehr gehen wir davon aus, dass sich die entstehenden Promotionsprojekte lediglich schwerpunktmäßig einem Bereich zuordnen lassen und einzelne Aspekte dabei immer auch in mindestens einen der anderen beiden Bereiche hineinragen werden.
Das Entzogene
Unter dem Sammelbegriff des Entzogenen subsumieren wir Bereiche, in denen Wahrheitsbehauptungen dem gelten, was der Wahrnehmung in grundsätzlicher Weise entzogen ist. Dies betrifft das Transzendente und Jenseitige, das in der Zeit entzogene Vergangene sowie Intentionen und Motivationen Einzelner. Das Entzogene verweigert sich der Autopsie bzw. es gibt sich nur unter höchst unsicheren Bedingungen (Traum, Vision, Erscheinung, Offenbarung, Erinnerung, Aussage) zu erkennen. Betroffen davon sind etwa Be- und Umwertungen historischer Ereignisse und Ansprüche, Herkommensgeschichten, das Erzählen über (noch) nicht kanonisierte ‚Heilige‘, Festtage, Reliquien oder Wallfahrtsorte. Zu denken wäre weiterhin an die Sphäre übernatürlicher Kräfte und Wesen, Geister, Ahnen und Verstorbene, die im Kontext religiöser Kommunikation und kultischer Praktiken evoziert, aber auch in der fiktionalen Literatur vielfach thematisiert wird.
Wahrheitspraktiken, die sich auf Entzogenes beziehen, sind auf sichere Quellen, glaubwürdige Aussagen und zuverlässige Berichte angewiesen. Eine wichtige Rolle kommt daher der Zeugenschaft zu, wobei auch zu fragen ist, durch welche Praktiken menschliche oder schriftliche Zeugen validiert, wie Glaubwürdigkeit und Authentizität gegen Zweifel abgesichert werden. Dies gilt ebenso für Visionsberichte, Jenseitsfahrten, Gralssuchen, vergangene und heimliche Ereignisse wie für ‚innere Tatsachen‘ im juristischen Sinn, also für Motivationen und Absichten, die sich nur im Innern eines Individuums abspielen. Dabei geraten auch die Wechselverhältnisse und „Rückkopplungseffekte“ (Cuntz u.a. 2006: 20) in den Blick, die Dokumente, Zeugen, Zeugenberichte, Verfahrenspraxis und institutionelle oder innovative Verfahrenssicherung zu einem Netz gegenseitiger Autorisierung und Absicherung verweben. In diese Netze sind immer auch Dinge eingebunden, die als Spuren und Indizien selbst Zeugenstatus erlangen, die als Teil der Rechtspraxis Wahrheit hervorbringen oder als Insignien Rechtshoheit sichern.
Das Verborgene
Unter dem Sammelbegriff des Verborgenen adressieren wir solche Bereiche der Wahrheitsproduktion, die zwar nicht grundsätzlich entzogen, die der empirischen Erfassung jedoch nur bedingt zugänglich, schwer erreichbar oder nur vermittelt überprüfbar sind, weil sie z.B. Wirkprinzipien, innere Strukturen und unsichtbare Qualitäten betreffen: Prozesse und Verhältnisse tief unter der Erde oder im Inneren des Körpers, Wechselbeziehungen unsichtbarer Einflüsse, Abstraktes, wie die Axiome der Mathematik oder die zunächst ungreifbaren Normen des Rechts, unzugängliche Gebiete, wie etwa die Astronomie, oder die Thematisierung von Geheimnissen (arcana) wie etwa im Bereich der Alchimie. Überdies ist an Strukturen und Größen zu denken, die als nicht sinnlich erfahrbare oder unüberschaubare Verhältnisse sichtbar gemacht werden müssen: etwa Landesgrenzen oder die Größe und Zusammensetzung von Bevölkerungsgruppen. Schließlich sind auch die Bereiche des mündlich Überlieferten, des Brauchs und der Gewohnheit (z.B. Ruggerichte) zu nennen.
Behauptungen, die solchen Bereichen gelten, können zwar auf die Berichte von Laien und Experten zurückgreifen und konkret Vorliegendes wie die Ergebnisse vermuteter Vorgänge präsentieren (etwa das gefundene Erz oder Mineral, das aus der Ferne mitgebrachte Objekt, das geborene Kind, die geheilte Krankheit, die beobachtbare Reaktion), doch lässt sich in der jeweiligen Situation keine unmittelbare Sicherheit über ihr Zustandekommen oder ihre genaue Beschaffenheit, ihren wahren ‚Grund‘ gewinnen. Entsprechende Wahrheitspraktiken legen dann die verborgene Seite vorliegender Dinge offen, visualisieren sie oder stellen sie in Bildern und Metaphern vor Augen. Im Zuge der sich verändernden Manuskriptkulturen und durch die Techniken des Bilddrucks kommt in Europa ebenso wie in China und Korea dabei Bildern und Diagrammen eine immer größere Bedeutung zu. Zugleich spielen Werkzeuge und Instrumente eine zunehmende Rolle, die der genauen Erfassung, Erprobung, Messung und Berechnung dienen oder Proportionalitäten und Strukturen praktisch erfahrbar machen. So bildet sich ein Fundus an Texten, Bildern und Objekten, die in die Netze wechselseitiger Autorisierung und Absicherung eingebunden werden, wobei im Kontext der Wahrheitsproduktion ihre operationale Dimension häufig zurücktritt, um einer autorisierenden Agency den Vortritt zu lassen. Naturdinge und Artefakte, Stoffe, Materialien oder Körper können hier entsprechende materielle Arrangements bilden und stehen dann als Beweisstück und Musterexemplar für die behaupteten, verborgenen Zusammenhänge ein – und dies gilt ebenso für die Requisiten der Theaterbühnen wie für die frühneuzeitlichen Werkstätten und ‚Labore‘.
Das Neue
Unter dem Sammelbegriff des Neuen wollen wir Bereiche der Wahrheitsproduktion beobachten, die sich dem widmen, dessen Status, Anspruch und Geltung noch nicht gesichert ist, das sich im Prozess der Ankunft befindet, aber noch nicht völlig zugänglich, das noch nicht eingeordnet, begrifflich noch nicht zu fassen ist oder noch keinen Namen hat. Zu denken wäre etwa an Berichte von ersten Begegnungen mit neuen Ländern, Völkern, Tieren oder Pflanzen, die Erzählschemata des Abenteuerlichen übernehmen können, um sie mit detaillierten Schilderungen, Bildern und Karten anzureichern.
Das Nie-Gesehene, Unerhörte, Neue ist grundsätzlich erreichbar, ist aber nicht überall auch zugegen. Es liegt immer in seiner medialen Vermittlung, als Bericht oder bildliche Repräsentation vor. Wo noch nicht Bekanntes in Bild und Text dargestellt wird und also nicht selbst in Augenschein genommen werden kann, haben auch Wahrheitsproduktionen, die das Neue betreffen, zuallererst auf Quellen und Zeugen zu setzen, doch entzieht sich deren Validierung einer Verfahrensevidenz, wie sie der Rechtsbereich etabliert. Andere Agenten, Medien, Dinge und Orte der Wahrheitsproduktion werden in Position gebracht, und deren eigene Glaubwürdigkeit muss gesichert werden. So bilden sich neue Arrangements der Wahrheitsproduktion, die wiederum eigene Instrumente (der Bildproduktion und/oder numerischen Aneignung der sichtbaren Welt) hervorbringen, wobei sich nicht selten auch ein ästhetisches Interesse an neuen Gegenständen und fremden Körpern artikuliert, die in die Kunstkammern des 16. und 17. Jahrhunderts eingehen, die in Drucken zum Thema gemacht oder auf den Bühnen gezeigt werden.
Doch Prozesse der Wahrheitsproduktion zielen auch auf die ‚Lesbarkeit‘ der neuen Dinge und fremden Menschen, die in die jeweils geltenden Wissensordnungen eingefügt werden und die im Hinblick auf ihre Symbolhaftigkeit und Auslegbarkeit thematisiert und nicht selten auch als mehrdeutige Verweise auf Kommendes gedeutet werden. Wir öffnen darum den Sammelbegriff des Neuen auf das Zukünftige, das noch nicht vorliegt, das jedoch im Sinne der Erwartung, Befürchtung, Planung und Vorsorge das Handeln der Gegenwart unmittelbar mitbestimmt. Virulent wird das Neue so auch in Fragen der Risikoabschätzung, der Abwehr drohender Gefahren (z.B. des Brandschutzes in den wachsenden Städten) oder bei der Verteilung nicht beherrschbarer Gefahren im Vertrags- und im Schadenersatzrecht (z.B. für die Gefährdungshaftung für Tiere).
2. Qualifizierungsprogramm des GRK 2945
Unser Qualifizierungskonzept soll die Kollegiat:innen durch eine intensive fachspezifische Betreuung optimal auf eine Karriere in Forschung und Lehre vorbereiten. Der interdisziplinäre Zuschnitt des Vorhabens bildet dabei besonders im Hinblick auf Fächer, die sich mit dem Bereich der Vormoderne beschäftigen, einen klaren Wettbewerbsvorteil. Mit der Frage nach Wahrheitsproduktion und -durchsetzung widmet sich das GRK zudem einem Themengebiet, das in verschiedenen außeruniversitären Arbeitszusammenhängen von hoher Brisanz ist: Dies gilt etwa für Bereiche der Bildungsvermittlung in Museen und Sammlungen, der Erwachsenenbildung, der Öffentlichkeitsarbeit und des Wissenschaftsmanagements, für den Aufgabenbereich von Referent:innen und Beratungspositionen im kulturellen und kulturpolitischen Bereich; und besonders gilt es für solche Beschäftigungsfelder, für die mit einer erhöhten Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen ist – etwa im Bereich des Content Managements, der Faktensicherung, des Transfers und der Wissenschaftskommunikation. Es steht zu erwarten, dass dies kein vorübergehender Trend ist, sondern dass die Auseinandersetzung mit den Effekten und Konsequenzen sich wandelnder Formen der Wahrheitsproduktion und -durchsetzung in den nächsten Jahren noch weiter an Relevanz gewinnt.
Das Studien- und Qualifizierungsprogramm des GRKs reagiert auf diese Situation, indem es Angebote im Bereich des Kompetenzerwerbs und der Berufsfeldorientierung macht und es den Kollegiat:innen ermöglicht, unterschiedliche Formen des Wissenstransfers in der Metropolregion Ruhr zu erproben. Dafür kooperieren wir eng mit regionalen Partnerinstitutionen, die unsere Kollegiat:innen bei ihren Aktivitäten (z.B. der Organisation von öffentlichen Diskussionen, Vortragsreihen, Ausstellungen, Workshops o.Ä.) unterstützen: Buxus-Stiftung/Fritz Bauer Forum, Deutsches Bergbau-Museum/Leibniz-Forschungsmuseum für Georessourcen [Bochum], CORRECTIV [Essen]; Kulturwissenschaftliches Institut [KWI, Essen]; Kultur- und Stadthistorisches Museum /Mercator-Gesellschaft [Duisburg]; LWL-Museum für Archäologie und Kultur [Herne]; Museum Schnütgen [Köln]. So können Erfahrungen auch außerhalb universitärer Arbeitszusammenhänge gewonnen werden.
Die fächerübergreifende Zusammenarbeit im GRK ermöglicht es, das Zusammenwirken verschiedener Literaturen, Künste und Wissensgebiete in Prozessen der Wahrheitsproduktion genauer zu erforschen. Eine zentrale gemeinsame Aufgabe wird dabei die Auseinandersetzung mit den methodischen Herausforderungen sein, die für historische Fächer mit einem praxeologischen Ansatz verbunden sind. Dem tragen wir Rechnung, indem wir Veranstaltungen zur Methodik und zu den entstehenden Dissertationsprojekten im Studienprogramm einen besonders hohen Stellenwert einräumen und die Projekte der Kollegiat:innen durch je zwei Betreuer:innen aus der Gruppe der beteiligten Professor:innen optimal begleiten. Indem wir darüber hinaus möglichst internationale Dritt-Gutachter:innen in die Betreuungsarbeit einbinden, erhöhen wir zugleich die Transparenz und Objektivität der Prüfungsverfahren und ermöglichen unseren Kollegiat:innen eine frühe internationale Vernetzung.
Literaturhinweise
Brendecke, Arndt (2015): Von Postulaten zu Praktiken. Eine Einführung, in: Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, hg. v. Arndt Brendecke, Köln/Weimar/Wien, 13-20. [https://doi.org/10.7788/9783412502591-intro]
Bubert, Marcel (2021): Fakten, maßgeschneidert? Unsicherheit und die Herstellung von Evidenz in Deutungskonflikten des späten Mittelalters, in: Frühmittelalterliche Studien 55, 219-254. [https://doi.org/10.1515/fmst-2021-0009]
Cuntz, Michael/Nitsche, Barbara/Otto, Isabel/Spaniol, Marc (Hg. 2006): Die Listen der Evidenz, Köln.
Freist, Dagmar (2015a): Historische Praxeologie als Mikro-Historie, in: Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, hg. v. Arndt Brendecke, Köln/Weimar/Wien, 62-77. [https://doi.org/10.7788/9783412502591-004]
Freist, Dagmar (2015b): Zur Einführung. Materielle Praktiken in der Frühen Neuzeit, in: Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen–- Artefakte, hg. v. Arndt Brendecke, Köln/Weimar/Wien, 267-274. [https://doi.org/10.7788/9783412502591-023]
Frick, Julia (2020): ‚Alternative Fakten‘. Narrativierung von Vergangenheit am Beispiel des Trienter Judenprozesses (1475), in: Geschichte erzählen. Strategien der Narrativierung von Vergangenheit im Mittelalter. XXV. Anglo-German Colloquium, Manchester 2017, hg. v. Sarah Bowden u.a., Tübingen, 379-403.
Füssel, Marian (2021): Wissen. Konzepte – Praktiken – Prozesse, Frankfurt a.M.
Heitele, Nina (2017): Was bringt der Doktortitel in Geisteswissenschaften? in: academics, online unter: https://www.academics.de/ratgeber/promotion-geisteswissenschaften. [Letzter Zugriff: 01.06.2024]
Horner, Christy Galetta/Galletta, Dennis/Crawford, Jennifer/Shirsat, Abhijeet (2021): Emotions. The Unexplored Fuel of Fake News on Social Media, in: Journal of Management Information Systems 38:4, 1030-1066.
McDougall, Julian/Brites, Maria-José/Couto, Maria-João/Lucas, Catarina (2019): Digital Literacy, fake news and education/Alfabetización digital, fake news y educación, in: Cultura y Educación 31:2, 203-212. [https://doi.org/10.1080/11356405.2019.1603632]
Müller, Jan-Dirk (2007): Evidentia und Medialität. Zur Ausdifferenzierung von Evidenz in der Frühen Neuzeit, in: Evidentia. Reichweiten visueller Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit, hg. v. Gabriele Wimböck/Karin Leonhard/Markus Friedrich, Berlin, 57-81.
Mulslow, Martin/Rexroth, Frank (Hg. 2014): Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in gelehrten Milieus der Vormoderne, Frankfurt a.M.
Oschema, Klaus (2022): Wahrheitsproduktion(-en) im späten Mittelalter. Perspektiven und Grenzen der Suche nach „Fake News“ in der Vormoderne, in: „Fake News“ in Literatur und Medien. Fakten und Fiktionen im interdisziplinären Diskurs, hg. v. Amelie Bendheim/Jennifer Pavlik, Bielefeld, 79-104. [https://doi.org/10.1515/9783839460191-005]
Poor, Sara S. (2021): ‚Fake News‘, the ‚Romance‘ of Charlemagne and the Troubled Queen in Morant and Galie, in: Mediävistische Perspektiven im 21. Jahrhundert. FS Bennewitz, hg. v. Andrea Schindler, Wiesbaden, 55-66.
Reckwitz, Andreas (2014): Die Materialisierung der Kultur, in: Praxeologie. Beiträge zur interdisziplinären Reichweite praxistheoretischer Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften, hg. v. Friederike Elias/Albrecht Franz/Henning Murmann/Ulrich Wilhelm Weiser, Berlin/München/Boston, 13-28. [https://doi.org/10.1515/9783110370188.13https://doi.org/10.1515/9783110370188.13]
Schatzki, Theodore R. (2010): Materiality and Social Life, in: Nature and Culture 5:2, 123-149. [https://doi.org/10.3167/nc.2010.050202]
Waltenberger, Michael (2014): „Die Wahrheit im Reich der Thunfische. Zu Struktur und Poetik der anonymen Lazarillo-Fortsetzung von 1555“, in: Das Syntagma des Pikaresken, hg. von dems. und Jan Mohr. Heidelberg, 241-256.
The Research Training Group (RTG) has advertised 12 PhD positions (application deadline: 14 September 2026). You can find the advertisement here.
Information for applicants (English)
1. Research Program of the RTG 2945
In current debates, truth is controversial. Buzzwords like fake news or alternative facts reflect significant differences among various social groups regarding what is accepted as truth. This issue of divergent truth claims is not confined to the present; consequently, the topic of truth has increasingly garnered attention in historical research (e.g. Bubert 2021; Frick 2020; Oschema 2022; Poor 2021; Waltenberger 2014). Nonetheless, attempts to analyse and address the problem of fake news by focusing on the false claims themselves only address the symptoms: current empirical and theoretical research has shown that measures such as debunking, fact-checking or the demonstration of counterarguments often have little effect at the level of ‘emotional response’, even when the counterarguments are reasonable (cf. Horner et al. 2021). These methods convey the truth but fail to enforce it. In contrast, strategies that emphasize the importance of understanding the mechanisms of truth production and enhancing media literacy have shown greater promise (e.g. McDougall et al. 2019).
Building on this premise, our research on historical forms of truth production and truth enforcement addresses strategies and practices, media and processes of ‘making’ truth. Investigating the 13th to 17th centuries, the RTG will focus on a time characterized by a complex interplay of media, religion, law, and knowledge. In this period, a network of different, competing, complementary or intersecting practices of truth production can be observed. By scrutinizing these practices, we aim to provide insights from historical analysis to enrich and enhance contemporary debates with additional analytical tools for critical reflection.
2.1 Issues, Areas of Investigation, Methods
The RTG 2945 investigates the production and enforcement of truth between the 13th and 17th centuries – a period characterized by media change, by political and social dynamics, by religious conflicts and the emergence of competing concepts of law, by differing knowledge communities and religious cultures. During this time, traditional knowledge coexisted with new sites of experience and learning, well-established and novel institutions, and both conventional and innovative forms of observation and representation. A multiplicity of practices for asserting and enforcing truth existed simultaneously, often ignoring, supporting, negating, or imitating each other.
We are seeking doctoral projects that address this period and either focus on Latin Europe and/or its early colonial contact zones or on China and/or Korea, which are particularly suitable for comparison due to their highly developed written cultures and their specific dynamics— such as the rise of book printing and the book market in the Ming period (1368-1644) or the expansion of written communication in the early Chosŏn period in Korea.
The RTG addresses various subject areas, inviting prospective PhD students specializing in European Philologies and Literary Studies––especially English, German and Romance Studies (including Ibero-Romance, Latin American, French and Italian Studies)––and those from Comparative Literature Studies, Korean Studies and Chinese Studies, or from the fields of Art History, Legal History, History of Knowledge and of Science, Gender and Body History and/or Cultural History. Applications from related fields are encouraged, provided they emphasize the period under study by the RTG.
We wish to attract doctoral projects that either investigate how truth is claimed, asserted, enforced, made to be a foundation guiding speech, thought, action and decision-making, or that explore how processes of ‚making truth‘ are observed and reflected in images, plays, and texts. In recent years, broader questions concerning the dynamics of knowledge and different knowledge communities and cultures have been discussed with increasing intensity (e.g. Füssel 2021; Mulsow/Rexroth 2014). By focusing on practices of truth assertion and processes of truth enforcement, the RTG aims at structuring this broad field of research and hopes to sharpen the debate by asking how truth (as well as knowledge and belief) is made acceptable.
In this context, truth is not conceived narrowly as an absolute, singular entity („the truth“) but rather as asserted truth that exists only in the mode of its mediation. Its form or Gestalt and validity are shaped by various forms of truth production. Hence, aspects of the staging and presentation of knowledge that invest propositions with validity come into focus. This often involves the inclusion of metafigures which turn a statement such as „The sun revolves around the earth“ into propositions such as „It can be observed from the movements of the heavens that the sun revolves around the earth“ or „The learned books say that the sun revolves around the earth“, or articulate a truth claim on moral grounds: „A pious Christian must believe that the earth is the center of the cosmos and that all the stars revolve around the earth.“ Such metafigures that claim the validity of an assertion are not restricted to language and rhetoric but can be found on the material level of media as well. They can be supported or substituted by human bodies, things or spatiotemporal arrangements in which truth is not only inscribed but also embodied. For example, paratexts of the early printing period and their manuscript predecessors—such as accessus ad auctores, dedications, prefaces, prologues, and epic proemias—can be read as meta-figures that negotiate and materialize truth claims, incorporating them into personal networks consisting of multiple recipients. Additionally, the external form of a text, the choice of writing material, the colour of the ink, the form of the scripture or font type, the mise-en-page, the use of seals, images, diagrams, registers, glossaries and/or commentaries also communicate truth claims in their own way. Similarly, instruments, tools, maps, natural objects, artefacts, human bodies, attitudes, emotions, gestures, architecture, or spatial arrangements can become metafigures of validity explaining and showing why a certain truth claim should be accepted, demanding or commanding its acceptance, or evoking emotions to make something ‚felt‘ as true. Rules of procedure or performative gestures enact what is to be understood as law; dramatic and performative representations of truth are dependent on the material and performance conditions of public and theatre stages; the use of special types of material or spolia in artistic objects articulates validity claims; the various forms of graphic notation, diagrams, and tables not only produce forms of knowledge but also assert truth to make the produced knowledge plausible and acceptable. By focussing on truth enforcement as a practice and by investigating its materiality and embodiment, we transcend the investigation of the various historical semantics of truth. Additionally, we take the praxeological perspective of ‘making’ truth to the history of the sciences, the history of the institutionalisation of knowledge or the role of the expert (cf. e.g. Brendecke 2015, Freist 2015a/b, Reckwitz 2014). We aim to analyse truth production and enforcement as events and processes situated in space and time, where heterogeneous elements such as bodies, movements, words, materials, objects, and affects are connected and interact as social and material ‚arrangements‘ (Schatzki 2010). This perspective allows for a more precise analysis of the dynamics between different practices of knowledge, religion, law, society, or rule and their heterogenous ‘arrangements’. For instance, one might describe how bodies, instruments, tools, or media that produce knowledge are presented as witnesses in the context of truth practices and thus gain a new form of agency. Alternatively, one could examine how places, attitudes, and objects support the validity of an assertion, how they are introduced into truth-making processes, create evidence, and interact to maintain the visibility and connectivity of truth in the long term. Additionally, the embodiment of different truth claims and concepts in literary forms, artistic artifacts, and theatrical or representational stagings of truth could be observed, as they gain an aesthetic reality of their own.
With the help of documents and monuments, historical processes of truth enforcement can be analysed. At the same time, literary forms, sculptures, paintings, and early modern theatre performances reflected upon and problematized truth production. By bringing together historians specializing in the history of knowledge, legal history, gender and/or body history, and researchers in the fields of literary studies, cultural history, and art history, the RTG can pursue both dimensions of truth production. In summary, the methodological surplus and innovative potential of our project resides firstly in the dual perspective that examines both truth production and its historical reflection in art and literature, secondly in the focus on truth production as a central aspect of the broad field of the history of knowledge, and thirdly in the emphasis on practices and arrangements that encompass linguistic and rhetorical strategies, tangible objects, images, actions, attitudes, emotions, and physical performances.
In line with this research program, potential doctoral projects can address different genres, forms, and modes of truth production and processes. The spectrum ranges from descriptive or instructive texts to texts that discuss and explain, to narrative, epideictic, or lyrical texts. In addition to fictional and factual narratives (e.g. of history, law or knowledge), didactic poems, dialogues, treatises, essays, specialist texts or artes literature and their popularising adaptations could be explored. Furthermore, practices of writing or print, such as quotations, glosses and commentaries, or ‘brush-notes’ from pre-modern China and Korea (biji 筆記, bitan/p’iltam 筆談, suibi/sup’il 隨筆), which served as sketchy recordings of knowledge, as well as juxtapositions and exhibitions of different or conflicting truth claims, such as the negotiation of different theories of authority, claims to power, and self-practices in early modern theatre, could be investigated.
To structure this very broad field of possible topics, the RTG focusses on those areas of truth production and enforcement characterized by a particular lack of evidence and by precarious perceptibility, recognizability, and representability. This approach is informed by the idea that practices of truth production and enforcement are primarily required and reflected upon in those moments when certainty about what is to be considered true is not yet (or not anymore) established, lacking, or in doubt. Truth that is easily perceived, is readily accepted; it is obvious and (self-)evident (Müller 2007). We want to group the doctoral projects around areas that, to varying degrees and for different reasons, resist visibility and thus challenge truth practices. We use umbrella terms to describe these areas, which address different forms of lack of evidence and accordingly require different practices and material arrangements: (1) the withdrawn; (2) the hidden; (3) the new. These umbrella terms do not define sharply delineated areas. Rather, we assume very permeable borders and that doctoral projects cannot be assigned to only one area, with some aspects of a project extending into at least one of the other two areas.
The Withdrawn
This umbrella term addresses those areas of truth production in which truth claims refer to entities fundamentally withdrawn from direct perception. This encompasses the transcendental and the otherworldly, the past that has been withdrawn in time, as well as the intentions and motivations of individuals. That which is withdrawn cannot be directly perceived and only reveals itself in highly uncertain conditions and mediated modes of perception (dream, vision, apparition, revelation, memory). This area relates to evaluations and re-evaluations of historical events and claims, stories of origin, narratives about (as yet) non-canonized ‘saints’, feast days, relics or places of pilgrimage. It also includes the sphere of supernatural forces and beings, spirits, ancestors and ghosts, evoked in the context of religious communication and cultic practices, but also frequently thematized in fictional literature. Truth practices that relate to that which is withdrawn depend on trustworthy sources, credible statements and reliable reports. Witnesses play an important role in these processes, and we aim to investigate which practices are used to validate human or written witnesses and how credibility and authenticity are safeguarded against doubt. This applies just as much to reports of visions or journeys to the next world as to searches for the Holy Grail or to statements about past and secret events. Furthermore, it applies to ‘inner facts’ in the legal sense, i.e. motivations and intentions, which are withdrawn from direct perception by others. Documents, witness reports, procedural practices and institutional or innovative procedural safeguards seem to be woven into a network of mutual authorization and protection characterized by a multiplicity of reciprocal relationships and ‘feedback effects’ (Cuntz et al. 2006: 20). These networks always also include objects and material witnesses that acquire validity as traces and evidence, that produce truth as part of legal practice or that are used as insignia to secure e.g. legal authority.
The Hidden
This umbrella term addresses those areas of truth production which are not fundamentally withdrawn, but only partially accessible to perception, difficult to access, or which can only be verified by means of mediation. These include hidden processes, concealed principles of action, inner structures and invisible qualities, such as phenomena and events situated below the surface of the earth or inside the body, interrelations of invisible influences, abstract ideas such as mathematical axioms, or the intangible norms of law, unreachable areas such as the planetary spheres, or secrets (arcana) as, for example, in the field of alchemy. ‘The Hidden’ encompasses structures and dimensions that need to be visualized and that cannot be experienced by the senses or are unmanageable due to their seize, such as national borders or populations. The same can be said of standards and values which are transmitted orally, or customs and habits which are not codified.
Claims that refer to such areas can draw on the reports of lay people and experts, and they can present specific objects or materials as results of presumed processes (such as the ore or mineral found, the plant, animal or even human being brought from afar, the newborn child, the illness cured, the observable reaction). However, complete certainty as to their geneses and beginnings, their exact nature or formation processes cannot be attained. Truth practices in this area seek to reveal the concealed nature of existing things, they try to make them conceivable, and/or to outline them by means of models, diagrams, images and metaphors.
As a consequence of the changes in manuscript culture between the 13th and 17th centuries, techniques of image printing, graphic elements, pictures, and diagrams gained significant importance, in Europe as well as in China and Korea. Concurrently, tools and instruments played an increasingly important role in the production of knowledge. Together with cards, drafts, and models they serve to precisely record, test, measure, and calculate, or to make proportionalities and structures tangible. These texts, images, and objects, initially used to produce knowledge, sometimes were repurposed to gain new agency as means of validation. Natural things and artefacts, fabrics, materials or bodies could form material arrangements and networks of reciprocal authorization to provide evidence for and illustrate the asserted, hidden connections––and this applies as much to the objects, actors, and materials on the early modern theatre stages as it does to the practices in early modern workshops and ‘laboratories’.
The New
This umbrella term addresses areas of truth production that are dedicated to things whose status, claim and validity are not yet secured, i.e. to emergent phenomena which are not yet fully accessible, categorized, conceptualized, or named. One could think, for example, of reports of first encounters with new countries, peoples, animals, or plants, which may employ the narrative mode of the adventurous to enrich that which is new with detailed descriptions, pictures and maps. Things never seen, people never heard of, or new places may be fundamentally accessible, but they are neither conceptually present nor is knowledge about them easily or equally available. From our perspective, such phenomena are accessible only in mediated forms—reports, descriptions, or pictorial representations—and have not yet been inspected. Therefore, truth productions concerning that which is new must first and foremost rely on sources and witnesses, but their validation eludes established forms of procedural evidence as, for example, in truth processes of the law. Other agents, media, things, and places of truth production are brought into position, and their own credibility must be secured. Hence, new arrangements of truth production are formed, which, in turn, bring forth their own instruments (of image production and/or numerical appropriation of the visible world). Simultaneously, an aesthetic interest in new objects and foreign bodies is articulated, which can be witnessed in the art chambers of the 16th and 17th centuries, in prints or on theatre stages.Processes of truth production are also aimed at the ‚legibility‘ of new things and foreign people, integrating them into conventional and valid systems of knowledge. In these cases, the investigation of ‘the New’ might focus on its symbolism, its interpretability, and/or its ambiguous reference to what is to come. Therefore, we would like to open the collective area of ‘the new’ to concepts of and claims about a future, which is not yet present, but which directly influences the actions of the present in the sense of anticipation, fear, foresight, and precaution. Thus, ‘the New’ becomes a relevant category in questions of risk assessment, the defence against imminent dangers (e.g. fire protection in growing cities) or the distribution of uncontrollable dangers in contract and tort law (e.g. for strict liability for animals).
2. Qualification Program of the RTG 2945
Our qualification concept aims to prepare the PhD students for a career in research and teaching through intensive subject-specific supervision. The interdisciplinary nature of the program provides the fellows with a significant advantage in advancing their academic career, particularly in disciplines and subjects that deal with the pre-modern period. The RTG’s focus on truth production and enforcement addresses a subject area that is also highly relevant to various non-university work contexts. This includes, for example, educational work in museums and collections, adult education, public relations work and science management, as well as the work of lecturers and advisory positions in the cultural and cultural heritage sector. Additionally, it encompasses knowledge transfer and non-formal learning in museums and collections, and public relations and science management. Equally important, it caters to fields where there is likely to be increased job market demand, such as content management, fact-checking, transfer, and science communication. It is to be expected that this is not a temporary trend, but that the examination of the effects and consequences of changing forms of truth production and enforcement will become even more relevant in years to come.
The GRK’s study and qualification program answers to this situation by providing opportunities for skill acquisition and professional orientation, enabling the fellows to try out different forms of knowledge transfer in the Ruhr metropolitan region. To this end, we cooperate closely with regional partner institutions that support our fellows in their activities (e.g. in the organization of public discussions, lecture series, exhibitions, workshops, etc.): Buxus Foundation/Fritz Bauer Forum (Bochum); Deutsches Bergbau-Museum/Leibniz Research Museum for Geo-resources (Bochum); CORRECTIV (Essen); Institute for Advanced Study in the Humanities (KWI, Essen); Kultur- und Stadthistorisches Museum/Mercator-Gesellschaft (Mercator-Society, Duisburg); LWL-Museum für Archäologie und Kultur (Herne); Museum Schnütgen (Köln). Thus, we enable our PhD Students to gain experience outside the predominantly academic confines of the university.The interdisciplinary cooperation within the RTG facilitates detailed research concerning the interaction of different literatures, arts and fields of knowledge in processes of truth production. Accordingly, a central focus of the RTG will be the discussion of the methodological challenges associated with a praxeological approach for historical disciplines. We will place emphasis on methodological courses and the development and discussion of dissertation projects, measures which are flanked by assigning two doctoral advisors for each PhD student from the group of participating professors. By involving as many international third-party experts as possible in the supervisory work, we also increase the transparency and objectivity of the examination procedures and enable our fellows to network internationally at an early stage.
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