Forschungsprogramm
Das Graduiertenkolleg (GRK) untersucht Wahrheitsproduktion und Wahrheitsdurchsetzung zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert. Es zielt damit einen Zeitraum an, der ebenso durch soziale, politische und religiöse Dynamiken, wie durch Transformationen der Wissenskulturen, durch Medienwandel und veränderte Öffentlichkeiten geprägt ist, in dem sich symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien ausdifferenzieren, während gleichzeitig ihre rhetorisch-moralischen Äquivalente sowie etablierte rituelle und institutionelle Sicherungsformen wirksam bleiben. Unterschiedliche Formen und Verfahren der Wahrheitsproduktion geraten hier aneinander.
Die Promotionsprojekte untersuchen einerseits, wie behauptet, durchgesetzt und annehmbar gemacht wird, was als wahr gelten und was mithin Sprechen, Denken, Handeln und Entscheiden anleiten soll. Andererseits untersuchen sie, wie in Bildern, Theaterstücken und Texten Prozesse der Wahrheitsproduktion beobachtet und reflektiert werden. Der Fokus auf Europa und seine frühen kolonialen Kontaktzonen wird dabei mit einem Blick auf China und Korea konfrontiert, die sich durch ihre ausdifferenzierte Schriftkultur und deren spezifische Dynamiken für eine vergleichende Untersuchung besonders eignen.
Indem wir nach der ‚Gemachtheit‘ von Wahrheit fragen, tragen wir der Tatsache Rechnung, dass Wahrheit, auch wenn sie als gegeben, unerreichbar oder ewig konzeptualisiert sein mag, nur im Modus ihrer Vermittlung verhandelbar wird. Wahrheit muss behauptet werden, ihr Status muss in irgendeiner Form angeschrieben oder medial verkörpert werden, sie erscheint medienimmanent.
In Ergänzung zu bereits vorliegenden Forschungen zur Wahrheit der Wissenschaften, zur Geschichte institutioneller Geltungsansprüche oder zur Rolle des Experten, stellt das GRK die Praktiken und Prozesse der Wahrheitsproduktion in ihrer Abhängigkeit von Körpern, Naturdingen und Artefakten ins Zentrum. Es beobachtet Wahrheitsproduktion als Bündel aus Verfahren, Handlungen, Haltungen und materiellen Ensembles oder Arrangements, in denen menschliche Akteure, Medien, Dinge und räumliche Anordnungen zusammenspielen. Körper, Instrumente, Werkzeuge, Naturdinge, Texte, Bilder, Diagramme, Architekturen, Werkstätten, Gerichtsorte oder Bühnen haben Teil an der Behauptung von Wahrheit.
Um das so entstehende breite Feld möglicher Themen zu strukturieren, fokussiert das GRK auf solche Bereiche der Wahrheitsproduktion und -durchsetzung, die in besonderer Weise durch mangelnde Evidenz, durch Schwierigkeiten der Wahrnehmbarkeit, Erkennbarkeit und Darstellbarkeit gekennzeichnet sind. Damit ist das Arbeitsprogramm am Problembereich der Evidenz orientiert, sucht seine Gegenstände jedoch gerade dort, wo sie mit erhöhtem Aufwand behauptet werden muss. Deshalb fokussieren mehrere Promotionsprojekte jene Bereiche, die Wahrheitspraktiken herausfordern, weil sie sich in ungleichem Maße und aus verschiedenen Gründen dem Augenschein verweigern. Wir überschreiben diese Bereiche mit Sammelbegriffen, die unterschiedliche Formen mangelnder Evidenz adressieren und dementsprechend Praktiken und materiale Arrangements auf unterschiedliche Weise in Position bringen: 1) das Entzogene ; 2) das Verborgene; 3) das Neue.
Mit der Frage danach, wie in Geltung gesetzt wird, was als ‚wahr‘ Bestand haben und zukünftiges Sprechen und Handeln bestimmen soll, wird ein zentraler Aspekt der vormodernen Kultur im interdisziplinären Verbund neu erschlossen. Zudem glauben wir, durch die historische Perspektivierung zur aktuellen Debatte um konfligierende Wahrheitsansprüche beitragen zu können.