Bericht zur Podiumsdiskussion: „Zur aktuellen Relevanz der Geisteswissenschaften im Kontext globaler Krisen“
28.1.2026, Ruhr-Universität Bochum, organisiert vom GRK 2945 „Wissen – Glauben – Behaupten – Wahrheitsproduktion und Wahrheitsdurchsetzung in der Vormoderne“
Diskutantinnen: Alisha Raissa Danscher (Urbane Künste Ruhr), Julika Griem (Kulturwissenschaftliches Institut Essen), Caroline Krüger (Kunsthochschule für Medien Köln), Tina Rudersdorf (Max Weber Stiftung)
Moderation: Tina Asmussen (Ruhr-Universität Bochum / Deutsches Bergbaumuseum Bochum), Susanne A. Friede (Ruhr-Universität Bochum)
Bericht: Mariam Hammami (Ruhr-Universität Bochum)
Die multiplen Krisen der Gegenwart müssen nicht nur als akute Ereignisse, sondern auch als komplexe Aushandlungs- und Deutungsprozesse verstanden werden. Insofern können auch und gerade die Geisteswissenschaften mit ihren Kompetenzen im Bereich der historischen Kontextualisierung, der Analyse von Narrativen und der Reflexion gesellschaftlicher Deutungsmuster zum Verständnis und zur produktiven Bewältigung dieser Krisen beitragen. Gleichwohl spielen geisteswissenschaftliche Perspektiven in diesem Zusammenhang im öffentlichen Diskurs kaum eine aktive Rolle und werden meist eher als ergänzend oder vermittelnd wahrgenommen.
Ausgehend von dieser Beobachtung widmete sich die vom Bochumer GRK 2945 organisierte Podiumsdiskussion den Potenzialen und Limitationen einer spezifisch geisteswissenschaftlichen Krisenexpertise und thematisierte systembedingte Hemmnisse sowie künftige Handlungsoptionen zu deren nachhaltiger Stärkung und Vermittlung.
Einen zentralen Diskussionspunkt bildete dabei vor allem die Forderung nach einer grundlegenden Reformierung des Wissenschaftssystems. Denn dessen aktuelle Strukturen schränken nicht nur die nötige Verzahnung von Forschung, Lehre und Wissenschaftskommunikation ein, sondern erschweren durch den beständigen Wettbewerbsdruck auch die notwendige Kooperation mit anderen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Akteur:innen. Wichtig ist es demnach vor allem, strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Geisteswissenschaften ermöglichen, ihre Potenziale auszuschöpfen, darunter insbesondere die Förderung von Ambiguitätstoleranz — also der Fähigkeit, widersprüchliche Informationen, Perspektiven oder Deutungsangebote auszuhalten und produktiv zu reflektieren, anstatt vorschnell nach eindeutigen Antworten zu greifen — als Beitrag zur Bewältigung gegenwärtiger Krisen.
1. Krisen verstehen, Krisen rahmen
Der erste Teil der Diskussion war der Frage gewidmet, inwiefern die geisteswissenschaftliche Kompetenz, die mit den diversen globalen (geopolitischen, wirtschaftlichen, klimatischen etc.) Krisen einhergehenden Krisen der Deutung, Legitimation und Erinnerung produktiv zu adressieren, derzeit bereits in der öffentlichen Wahrnehmung präsent ist.
In diesem Kontext wies Tina Rudersdorf zunächst darauf hin, dass bereits die Existenz von Auslandsinstituten wie der Max Weber Stiftung die politische Anerkennung geistes- und sozialwissenschaftlicher Kompetenzen, gerade auch im Bereich der Wissenschaftsdiplomatie, belege. So seien diese Institute ausgehend von der Idee entstanden, dass ein gemeinsamer Austausch über Geschichte und Gesellschaft Konfliktpotenziale reduzieren und zugleich präventiv wirken könne, indem er nationalistischen Geschichtsnarrativen entgegenwirke und transnationale Perspektiven fördere.
Julika Griem zeigte sich hingegen skeptischer gegenüber diesem Vertrauen in die Geisteswissenschaften, das eher einem Wunschdenken der alten Bundesrepublik entspringe. Aktuell sei stattdessen – entgegen der ‚Larmoyanz-Kompetenz‘ geisteswissenschaftlicher Fächer – vor allem eine nüchterne Selbstanalyse gefragt: Es müsse ehrlicher geprüft werden, welche Kompetenzen die einzelnen Disziplinen tatsächlich einbringen können, denn nicht jedes Forschungsfeld sei gleichermaßen anschlussfähig an tagesaktuelle Konflikte.
Eine solche Reflexionsfähigkeit sei jedoch, so entgegnete Susanne A. Friede, bei anderen Fächern nicht immer gleichermaßen zu beobachten. Ein zu starker Rückzug auf die eigene Fachkompetenz berge daher ebenfalls Risiken. Vielmehr brauche es eine Balance zwischen fachlicher Abwägung und Mut, sich auch jenseits enger Zuständigkeiten zu äußern, um sichtbar zu bleiben.
Auch Caroline Krüger rief daran anschließend zu mehr Selbstbewusstsein im Hinblick auf die eigenen Kompetenzen auf. Es sei nachvollziehbar, dass Geisteswissenschaftler:innen etwa in Nachrichtensendungen zum Ukraine-Krieg kaum eine Rolle spielten. Dennoch könnten sie durch die Fähigkeit sowohl zur Komplexitätsreduktion wie auch zu Komplexitätssteigerung –ein Konzept, das Peter Strohschneider als zentrale Leistung wissenschaftlichen Denkens beschrieben hat – einen wichtigen Beitrag leisten, insbesondere im Hinblick auf die Förderung von Ambiguitätstoleranz, die zunehmend verloren gehe.
Ambiguitätstoleranz benannte auch Alisha Danscher als wichtiges Stichwort der Arbeit von Urbane Künste Ruhr. So könnten Ausstellungsräume als Reflexionsräume fungieren, in denen Konflikte erfahrbar werden und zugleich ausgehalten werden müssen.
Julika Griem bemerkte daran anschließend, dass es nicht mehr genüge, geisteswissenschaftliche Krisenkompetenz programmatisch auszurufen, sondern dass diese durch empirische Forschung erweitert und anhand konkreter Beispiele in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden müsste. Als Beispiel hierfür nannte sie u.a. die Auseinandersetzung mit Lesen und Schreiben als Kulturtechniken, die im Zeichen von KI gerade mit Blick auf Schule und Ausbildung hochrelevant seien.
Diese Forderung nach der Arbeit am konkreten Thema und nach der engeren Verzahnung mit der Öffentlichkeit unterstützte auch Caroline Krüger, da nur aus dem jeweiligen Fach heraus Sichtbarkeit erlangt werden könne.
2. Formen des Wissens – Output, Stil, Science Communication, Third Mission
Im zweiten Teil der Diskussion rückte die Frage nach dem Output geisteswissenschaftlicher Arbeit sowie den damit zusammenhängenden Formaten und Adressat:innenkreisen ins Zentrum.
Zum Einstieg argumentierte Susanne A. Friede, dass Nutzer:innen häufig nicht über Themen, sondern über Formen Zugang finden: Formate wie Lunch Lectures oder Blogs könnten Interesse wecken, unabhängig vom konkreten Gegenstand. Demzufolge könnten die Geisteswissenschaften die öffentliche Auseinandersetzung durch Formatentscheidungen aktiv steuern.
Als konkretes Beispiel beschrieb Tina Rudersdorf Formate, in denen etwa der Nahostkonflikt an Schulen diskutiert und den Schüler:innen so verdeutlicht wird, dass jenseits der eskalierenden Kommunikationsformen in sozialen Medien auch ein ziviler Diskurs über kontroverse Themen möglich sei. Daraus leitete sie die Forderung ab, den Austausch aktiv außerhalb der Universität zu suchen, wies aber auch auf das Problem begrenzter Kapazitäten hin.
Julika Griem unterstützte grundsätzlich diese Idee des ‚Rausgehens‘, warnte jedoch vor einer Vernachlässigung der Universität als eines physischen Orts, der irritierende Begegnungen ermöglicht. Andernfalls könnten digitale Anbieter und private Bildungsformate die entstehende Lücke füllen. Wie man möglichst viele Personen auch außerhalb der Universität ansprechen könne, werde etwa am KWI Essen kontinuierlich im Sinne eines Selbsterforschungsprozesses erprobt und empirisch beobachtet. Notwendig sei hier ein exploratives Vorgehen, das zudem nicht nur Quantität, sondern auch Qualität berücksichtige.
Entscheidend dabei sei, so ergänzte Caroline Krüger, immer vom jeweiligen Thema auszugehen anstatt als Getriebene Formate der Third Mission zu bedienen.
Auch Susanne A. Friede betonte in diesem Kontext ein reflektiertes Vorgehen und forderte ein Nachdenken darüber, an welchen qualitativen und/oder quantitativen Kriterien eine erfolgreiche Third Mission zu bemessen sei, zumal diese aktuell noch wenig mit den Aufgaben der Forschung und Lehre verzahnt sei und eher Kapazitäten davon abziehe.
Alisha Danscher betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz von Öffentlichkeitsarbeit sowie die Reflexion über die dabei gewählte Sprache. Daneben sei auch eine starke Interdisziplinarität nötig, etwa im Austausch von Wissenschaftler:innen und Künstler:innen, wie er in Projekten von Urbane Künste Ruhr erprobt wurde.
Daran anschließend plädierte Julika Griem für die Förderung von Kooperationen anstatt als Getriebene des Wettbewerbs immer neue Formate zu entwickeln, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Auch Fördergeber:innen müssten daran erinnert werden, dass die Ressourcen begrenzt seien.
Tina Rudersdorf und Tina Asmussen pflichteten dem bei. Letztere ergänzte, dass Wissenschaftskommunikation bislang meist nicht als Teil der wissenschaftlichen Arbeit bewertet und vielmehr als nachgelagertes Erklären von Inhalten an die Öffentlichkeit missverstanden werde.
3. Kooperations- und Systembedingungen – Jenseits der Engführung „Öffnung gegenüber Natur und Technik“
Im dritten Teil der Diskussion wurden die strukturellen Bedingungen geisteswissenschaftlicher Arbeit sowie die Frage thematisiert, ob die Geisteswissenschaften stärker mit Natur- und Technikwissenschaften kooperieren sollten. Ausgangspunkt war hierfür ein im September 2025 erschienenes Interview mit Christoph Markschies, in dem dieser drei Wege zur Unverzichtbarkeit der Geisteswissenschaften formulierte: Erstens könnten Geisteswissenschaften ihre gesellschaftliche Relevanz durch interdisziplinäre Kooperationen stärken, indem sie naturwissenschaftliche Fragestellungen an kulturelle Objekte herantragen und so neue Partnerschaften begründen. Zweitens lieferten sie ein historisches Kontextwissen, das für das Verständnis gegenwärtiger politischer Konstellationen und Krisen unersetzlich sei und von keiner anderen Disziplin substituiert werden könne. Drittens erfordere eine ernsthafte Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe zwingend die Einbeziehung seiner materiellen und physischen Dimensionen — womit die Zusammenarbeit mit Natur- und Technikwissenschaften nicht als Konzession, sondern als genuine Stärke der Geisteswissenschaften erscheine. [1]
Caroline Krüger warnte davor, einem trügerischen Idealbild von Transdisziplinarität nachzujagen. Wichtig sei vielmehr vor allem, dass die Geisteswissenschaften politisch und institutionell überlebensfähig bleiben – gerade im Hinblick auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen nach künftigen Wahlen. Zentral hierfür sei der Kontakt mit der Öffentlichkeit, denn dies nicht zu tun, sei – trotz der bereits angesprochenen Kompetenzfrage – fahrlässig.
Julika Griem betonte, dass auch das Problem des wissenschaftlichen Wettbewerbs und die prekäre Lage vieler Postdocs als zentrale Probleme des Systems erkannt und verändert werden müssten. Das System müsse zunächst repariert werden, um überhaupt weiterarbeiten und nachhaltig an Krisendiskursen teilnehmen zu können.
Tina Rudersdorf verteidigte den von Christoph Markschies formulierten Kooperationsgedanken und verstand ihn als Rückbesinnung auf geisteswissenschaftliche Kernkompetenzen, insbesondere auf die Arbeit an den Objekten und deren Materialität.
Caroline Krüger stimmte zwar zu, dass die Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften etwa bei der Analyse historischer Manuskripte oder materieller Überlieferung gerade in Zeiten von KI ein starkes Argument für die geisteswissenschaftliche Forschung sei. Sie wies aber darauf hin, dass der Diskurs leider nicht auf diese Weise funktioniere. Die weitere Auseinandersetzung mit den Objekten sei nur möglich, wenn das System reformiert und auch über den extremen Wettbewerb gesprochen werde, der nicht zuletzt Ressourcen binde.
Aus eigener Erfahrung illustrierte Alisha Danscher diese Überlegungen anhand eines interdisziplinären Projektes zu Fragen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung der Innenstädte, in dem Urbane Künste Ruhr mit Partnern aus dem Bereich der Ingenieurswissenschaften zusammenarbeite. Unterschiedliche Kommunikationslogiken und Budgets in den verschiedenen Disziplinen hätten dabei zwar Abstimmungsbedarf erzeugt, seien aber zugleich Ausgangspunkt eines produktiven Austauschs, der gerade aus der Reibung zwischen den beteiligten Disziplinen seinen Mehrwert ziehe. Außerdem können Ausstellungen als interdisziplinäres und schwellenarmes Medium naturwissenschaftliches Wissen einer breiten Öffentlichkeit vermitteln.
Julika Griem lenkte den Blick darüber hinaus auf die Ausbildung von Multiplikator:innen: Studierende, insbesondere Lehramtsstudierende, und Schulen seien eine wichtige Schnittstelle, die bisher zu wenig strategisch genutzt würde. Über sie könnten langfristig Skalierungseffekte entstehen, weil sie gesellschaftliche Debatten in ihre Umfelder tragen. Diese Rolle müsse stärker unterstützt und attraktiver gestaltet werden.
Tina Asmussen ergänzte, dass hierfür eine stärkere Integration von Wissenschaftskommunikation in Forschung und Lehre einschließlich innovativer Lehrformate wichtig wäre.
4. Publikumsdiskussion und Schlussimpulse
In der Publikumsdiskussion wurde zunächst die Frage gestellt, wie Lehrkräfte nach dem Studium im wissenschaftlichen Diskurs eingebunden bleiben können. Als mögliche Wege wurden Lehrer:innenfortbildungen, neue Modelle lebenslangen Lernens sowie gezielte Veranstaltungsformate genannt. Auch Schülerlabore wurden als erfolgreiches Beispiel hervorgehoben, um junge Menschen an die Universität heranzuführen und langfristig zu binden.
Ein weiterer Beitrag betonte die Chancen und Risiken des ‚Herausgehens‘ aus der Universität: Einerseits ermögliche es eine größere Reichweite, andererseits dürfe die Universität als Ort des respektvollen Austauschs nicht geschwächt werden. Wichtig sei die Suche nach Formaten, die beides verbinden.
Vor dem Hintergrund der Vermittlungskompetenzen von Geisteswissenschaftler:innen fragte ein Beitrag nach der Notwendigkeit, diese im Sinne eines ‚Service-Gedankens‘ zu nutzen. Darauf wurde kritisch angemerkt, dass damit die Gefahr einer Instrumentalisierung der Geisteswissenschaften einhergehe und es vor allem um die Ausbildung von Personen gehen müsse, die dann – etwa in Nachrichtenagenturen – auf der Basis ihrer erworbenen Fähigkeiten zur öffentlichen Kommunikation beitragen könnten.
Eine weitere Wortmeldung stellte die Frage, ob man von teils unter prekären Bedingungen lebenden Studierenden wirklich erwarten könne, dass sie zusätzlich gesellschaftlich aktiv werden. Gefragt sei hier vielmehr – so schlossen sich die Diskutantinnen an – eine kritische Reflexion des Wissenschaftssystems, das auch von den Systemen in anderen Ländern lernen könne.
Zum Abschluss formulierten die Podiumsteilnehmenden zentrale ‚Take-Home-Messages‘: Caroline Krüger hob hervor, dass die wettbewerbsgetriebene Struktur und die unzureichende Grundfinanzierung eine dauerhafte Krise des Wissenschaftssystems bedingen. Julika Griem forderte, ehrlicher über das Spannungsverhältnis von Kollaboration und Konkurrenz zu sprechen und auch Fehler als Lernressource sichtbar zu machen. Alisha Danscher warnte davor, sich von äußeren Faktoren instrumentalisieren zu lassen, und plädierte für inhaltliche Eigenständigkeit. Tina Rudersdorf schloss mit dem Appell, weniger über die eigene mangelnde Relevanz zu klagen und stattdessen selbstbewusst zu zeigen, was Geisteswissenschaften leisten und wie sie arbeiten.
[1] https://www.jmwiarda.de/blog/2025/09/18/aus-dem-olymp-gefallen-und-doch-gebraucht.
